Die heilende Kraft

Vortrag Frutigen, 7.11.2008
lic.phil. Hans-Peter Hari Britsch, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Als ich angefragt worden bin, in dieser Bildungsreihe mitzuwirken, hat mich das Thema „Die heilende Kraft: Wege der Gesundung“ spontan angesprochen. Ich habe die Herausforderung gerne angenommen, Gedanken, die ich mir während vieler Jahre zu meiner Arbeit so nebenbei gemacht habe, zu ordnen und in eine Form zu bringen, die mitteilbar ist. Die Vorbereitung auf diesen Vortrag war denn für mich auch ein Stück spiritueller Weg und damit etwas Heilsames.


Viele Menschen haben sich ja zur Frage Gedanken gemacht, was ist heilsam, was heilt. So z.B. auch die psychologische Wissenschaft, mit der ich dann auch gleich beginnen möchte. Wissenschaft hat etwas Praktisches: Da ist vieles untersucht worden, es gibt Statistiken, dicke Bücher und eine Unmenge Artikel und Publikationen auf die man sich berufen kann. Es gibt einem also einen gewissen Rückhalt, den ich zu Beginn meines Referates gerne in Anspruch nehme, bevor ich mich dann etwas mehr auf das Glatteis wage mit der Frage, „und was ist denn genau die heilende Kraft“. Damit werde ich mich dann etwas entfernen von der wissenschaftlichen Sicherheit, um meine persönlichen Gedanken zu diesem Thema darzulegen – ohne Anspruch, dass dies die Wahrheit sein müsste, aber mit dem Anspruch, dass meine Gedanken auch Ihre Gedanken zu diesem Thema anregen.  

Die psychologisch-psychotherapeutische Wissenschaft ist etwa 100jährig und damit eine junge Wissenschaft. In Zusammenhang mit den begrenzten Mitteln im Gesundheitswesen kam die Psychotherapie unter Legitimationsdruck. Sie musste nachweisen können, dass Psychotherapie wirkt. Dieser Nachweis gelang. Es gilt heute als erwiesen, dass Psychotherapie wirkt.

 Psychotherapie wirkt

 ·    Erhöht psychisches Wohlbefinden, Belastbarkeit, Stabilität
·     Kann psychische Krankheiten heilen
·     Veränderungen sind auch hirnorganisch nachweisbar

 

Wirkfaktoren der Psychotherapie
Problemspezifische Wirkfaktoren
Unspezifische Wirkfaktoren

 

Problemspezifische Wirkfaktoren

Für jedes Problem, für jede Störung oder Krankheit die richtige Therapie.

Z. B. bei Angststörungen ist erwiesen, dass die Konfrontation mit der Angst zu schnellerem Erfolg führt als das Verstehen der Ursachen der Angst.
Das erfordert Wissen über die speziellen Problematiken, Störungsbilder und Krankheiten und das Kennen entsprechender Therapietechniken damit umzugehen.


 Unspezifische Wirkfaktoren

Was haben erfolgreiche Therapeuten gemeinsam, das wesentlich zur Heilung beiträgt. Welche therapeutische Grundhaltung verkörpern sie:

·       Therapiebeziehung
·       Ressourcenorientierung
·       Problemaktualisierung

·       Praktische Hilfestellungen bei Lebensbewältigung und beim Einüben
        neuer Verhaltensweisen
·       Motivationale Faktoren

 
Ich komme am Schluss auf diese unspezifischen Wirkfaktoren zurück und werde dann versuchen, diese Begriffe mit etwas mehr Inhalt zu füllen.

Nun verlasse ich also den gesicherten Boden und wende mich der Frage zu: Was ist die heilende Kraft?

 2.    Die heilende Kraft

Heilung hat für mich ganz viel zu tun mit Wachstum, Entwicklung, Entstehen von Leben.

Wenn jemand von einer Depression geheilt wird, dann ist neues Leben in ihm entstanden. Das Blockierte, Erstarrte in ihm hat sich gelöst und ist wieder in Fluss gekommen. Wenn jemand sich von einer schweren Operation erholt, dann ist neues Leben, neue Funktionalität entstanden.
Haben also der Chirurg oder der Psychotherapeut geheilt?

Wenn zwei Menschen zusammen schlafen und dann nach neun Monaten ein kleines Buschi die Welt erblickt, haben denn die beiden einen Menschen geschaffen?

Nein, natürlich nicht. Sie haben nur die Voraussetzungen geschaffen, dass sich eine Samenzelle mit einer Eizelle verschmelzen konnte; und was dann weiter geschah, passierte nach übermenschlichen, schöpferischen, göttlichen Gesetzmässigkeiten.

Und so denke ich, verhält es sich auch mit Heilprozessen:
Was wir Menschen tun können, damit etwas wächst oder heilt, sind günstige Voraussetzungen dazu zu schaffen. Der Chirurg nimmt den entzündeten Blinddarm heraus und macht eine saubere Naht. Der Psychotherapeut schafft neues Vertrauen und hilft psychisches Durcheinander zu ordnen, der Gärtner setzt Samen und schafft für die Pflanzen ein wachstumsförderndes Klima. Und dann lassen wir es wachsen, heilen, sich entwickeln. Wir wachsen es nicht selbst. Dazu braucht es Schöpfungskraft, die nicht des Menschen ist sondern m.E. eben göttlicher Natur.

Wir können zwar biologisch und chemisch ganz vieles erklären bzgl der Frage, wie Wachstum zustande kommt, aber immer bleibt auch der Naturwissenschaft zuletzt eine ungeklärte Frage: wie kommt es, dass es ist, wie es eben ist, wie kamen die erforschten Gesetzmässigkeiten zustande. Und auch der Naturwissenschaftler, der sich das eingesteht, kommt nicht um den Gedanken der Schöpfungskraft herum.  


Was ist die heilende Kraft

·      Wachstum
·      Entwicklung
·      Entstehung von neuem Leben


Wachstum, Heilung
·      Wir können die Voraussetzungen schaffen
·      Wir „wachsen es“ aber nicht
·      Und es braucht dazu schöpferische, Leben schaffende Kraft
·      Sie ist göttlichen Ursprungs. 


Wie und wo begegne ich dieser heilenden, göttlichen, schöpferischen Kraft? Und wie schaffe ich Voraussetzungen, damit sie in mir wirken kann?


Wo finde ich die heilende Kraft?
·      Sie ist in mir zuhause, im Ich
·      Sie ist in dir zuhause, im Du
·      Sie ist in unserer göttlichen Umwelt
       zuhause
·      Sie ist im Jenseits zuhause


 

 Die heilende Kraft in mir, im Ich

Es hilft mir, zu wissen und zu spüren, dass ich nicht nur ein Wesen bin, das von göttlichem Licht von aussen beschienen wird, sondern ein Wesen, das selbst göttliches Licht in sich trägt. Dass ich nicht nur geliebt bin sondern auch lieben kann. Es hilft mir zu wissen, dass das Gute auch in mir angelegt ist und dazu drängt sich zu entfalten. Es hilft mir zu spüren, dass es in mir einen göttlichen Funken gibt, der sich danach sehnt, sich mit dem Göttlichen ausserhalb von mir zu verbinden.

Es ist heilsam, davon auszugehen, dass wir göttlichen Ursprungs sind und das Gute in uns selbst tragen.


Wie und wann spüre ich Heilendes, Göttliches in mir?

Wir arbeiten ja konstant am Aufbau unserer Persönlichkeit. Unserer Persönlichkeit, die uns hilft, unser Leben auf die uns eigene Weise zu gestalten, zu organisieren, zu lenken. Ohne den Aufbau unserer Persönlichkeit sind wir nicht lebensfähig.

Und wenn ich dem Göttlichen in mir am nächsten bin, dann ist es paradoxerweise in jenen Momenten, in denen es mir gelingt, die für mein Leben so wichtige Persönlichkeit einen Moment lang auszuschalten, wenn es mir gelingt, einen Moment lang auf meine Gedanken zu verzichten, auf mein Wollen, auf mein Streben. Wenn es mir gelingt, einen Moment lang, einfach zu sein und mich sinken zu lassen in ein tiefes Vertrauen, dass es gut ist so wie es ist. Wenn es mir gelingt, einen Moment lang im „dein Wille geschehe“ aufzugehen, ohne dass sich mein Bewusstsein sofort meldet mit dem kleinen Einwand „... aber nur dann, wenn dein Wille dorthin zielt, wo ich meine, hinkommen zu müssen...“.

So haben sich z.B. in meiner beruflichen Tätigkeit ab und zu mal Situationen ergeben, in denen ich ratslos war, ja sogar Angst kriegte; Angst, dass mir etwas oder jemand entgleitete; ein Prozess, der zu eskalieren oder in eine Katastrophe zu münden drohte und ich mich ausser Stande sah, das noch zu verhindern und noch irgend eine Wende herbeizuführen. Und es hat manches Mal geholfen, mich einen Moment in mich zu versenken, meine Gedanken und all das was ich je gelernt hatte zurückzustellen und mich zu öffnen für Hilfe, vielleicht für eine ganz neue Idee aus meiner Intuition, aus meinem unbewussten Fundus heraus. Oft ging’s dann tatsächlich irgendwie weiter, sei es dadurch, dass ich losgelassen hatte, wo der Weg nicht weiterging; sei es vielleicht wirklich durch einen göttlichen Impuls aus der Tiefe meiner Seele heraus oder einfach dadurch, dass ich selbst wieder zur Ruhe und zu Boden kam und meinem Gegenüber so wieder Halt bieten konnte. 

Gott am nächsten
wenn‘s für Momente gelingt, unsere Persönlichkeit zu vergessen hin zum „Dein Wille geschehe“


Ich habe die Ausdrücke „Bewusstes“ – „Unbewusstes“ benutzt. Die Ausdrücke wurden geprägt von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Er entdeckte und erforschte, dass von unserem menschlichen Sein nur ein Teil bewusst abläuft, und dass unser Erleben und Handeln weitgehend von unbewussten Motiven beeinflusst ist, also z.B. von verdrängten Konflikten und Gefühlen.  

C.G. Jung war ein Schüler Freuds, und er hat seine Theorie weiterentwickelt. C.G. Jung dachte in grösseren Zusammenhängen. Im Unterschied zu Freud interessierten ihn auch Fragen nach dem Woher und Wohin des menschlichen Seins, spirituelle und religiöse Fragen. Er weitete die Theorie von Bewussten und Unbewussten aus auf das kollektive Unbewusste. Er dachte also, dass unser bewusstes Erleben und Verhalten gesteuert ist einerseits von einem individuellen Unbewussten wie bei Freud und dass in einer noch tieferen Schicht der menschlichen Seele die Menschen verbunden sind durch ein kollektives Unbewusstes. Ein kollektives Unbewusstes, welches nicht individuelle Erlebnisse und Daten enthält sondern urmenschliche, archetypische Bilder. Wie ein grosses Meer, aus dem unser Unterbewusstes urmenschliches Wissen schöpfen kann und das uns alle verbindet. Auf dieser ganz tiefen unbewussten und uns alle verbindenden Ebene stelle ich mir vor, dass das Göttliche in uns zuhause ist, in uns, an uns und durch uns wirkt.

Das Selbst von C.G. Jung 


                     BEWUSSTSEIN
Bewusste Gedanken, Gefühle, Wahrnehmung, Identität 


               INDIVIDUELLES UNTERBEWUSSTSEIN
Vergessenes, verdrängte Konflikte, Erlebnisse, Traumata


               KOLLEKTIVES UNTERBEWUSSTSEIN
Archetypisches, urmenschliches Wissen, bei allen Menschen gleich



   Die heilende Kraft in dir, im Du

Ohne zwischenmenschliche Begegnung gibt es keine menschliche Entwicklung. Säuglinge, die körperlich zwar mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden aber keine Kontaktmöglichkeiten haben, keine mitmenschliche Wärme fühlen, keine Spiegelung im Gesicht der Mutter, des Vaters oder anderer Mitmenschen erfahren, die verkümmern und gehen zugrunde. Aus der Bindungstheorie wissen wir, wie elementar wichtig zwischenmenschliche Bindung ist, ohne sie keine Entwicklung. 

 Ohne zwischenmenschliche Beziehung keine menschliche Entwicklung

                 =Tod


  

Martin Buber: Dankbarkeit: 

Sodann aber verlangt es einen
Mal um Mal
seinem Mitmenschen zu danken
selbst dann, wenn dieser nichts Besonderes
für einen getan hat.

Wofür denn?
Dafür, dass er, wenn er mir begegnete,
mir wirklich begegnet ist!
Dass er die Augen auftat und mich
mit keinem anderen verwechselte.
Dass er die Ohren auftat und zuverlässig vernahm,
was ich ihm zu sagen hatte.
Ja, dafür, dass er das auftat,
was ich recht eigentlich anredete:
sein wohlverschlossenes Herz.

Wenn wir uns mit offenem Herzen begegnen, dann ist das heilsam.
In dem Sinne meine ich, dass wir gegenseitig für einander auch Engel sind, in einem gewissen Sinne Überbringer göttlicher Botschaften und Aufgaben, und dass wir uns gegenseitig Entwicklung, Heilung, Orientierung, Halt, Sicherheit, Geborgenheit und Liebe ermöglichen. Wir stehen uns als Menschen gegenüber und sind uns gegenseitig Voraussetzung und Chance zur Entfaltung unseres menschlichen und mitunter auch göttlichen Wesens.  

Nehmen wir z.B. ein Pflegeverhältnis, ein Kranker und ein Pflegender: wie sehr gibt doch der Kranke dem Pflegenden die Möglichkeit, gut zu sein, ein guter Mensch zu sein, sich zu investieren und sich in seiner Liebesfähigkeit zu entwickeln und gleichsam sein Selbstwertgefühl zu stärken. Und wie gibt der Pflegende dem Kranken die Möglichkeit zu lernen, Hilfe anzunehmen, zu vertrauen, sich in seiner Bedürftigkeit und Krankheit anzunehmen. 

Ich denke, dass wir oft füreinander Engel sind, ohne dass wir das wissen und ohne dass wir dies bewusst tun. Als Ruedi Heinzer mich angefragt hatte, ob ich mithelfen würde, einen Kurs zu geben zum Thema Heilung, war das für mich mitunter eine Aufforderung, auf meinem spirituellen Weg einen Schritt weiterzugehen. Das war heilsam. 

Wir stellen uns gegenseitig Aufgaben und wir sind uns gegenseitig Aufgaben, an denen wir reifen. Man kann sich fragen, ob wir uns nicht vielleicht manchmal sogar dann göttliche Aufgaben stellen, wenn wir dem Mitmenschen ein Schicksal aufbürden z.B. einen Partner verlassen und ihn damit z.B. vor die Aufgabe stellen, erneut auf eigenen Beinen zu stehen, sich selbst erneut zu finden und in der neuen Situation kennen zu lernen?

Es ist mir und Ihnen natürlich klar, dass wir uns nicht nur als göttliche Unterstützung begegnen, sondern dass sich Menschen allzu oft auch die Hölle auf Erden schaffen. Auch dieses Potential ist in uns vorhanden, ist aber heute nicht Thema meines Referates.

Mitmenschen
Wir sind uns manchmal Engel,
Manchmal Aufgabe,
Manchmal Herausforderung und Chance.
(..und können uns leider allzu oft auch die Hölle sein)

 

           Die heilende Kraft in der göttlichen Umgebung 

Ich habe mich gefragt, ob z.B. mein Hund zur Kategorie "Du", also persönliche Begegnung, zählt oder ob er als Tier eher der Kategorie angehört, die ich als „meine göttliche Umgebung“ bezeichne. In letztere Kategorie gehört z.B. die Amsel, die mich im Sommer vor meinem Fenster mit ihrem flötenden Gesang weckt oder mich auf meinem Waldspaziergang begleitet. Sie erfreut mich zwar mit ihrer Musik, aber sie ist nicht direkt auf mich bezogen und ist in dem Sinne kein Du.

Das ist bei einem persönlichen Haustier anders. Da besteht eine individuelle Beziehung. Für wie viele Menschen ist ein persönliches Haustier vielleicht der wichtigste Bezug zur Welt, vielleicht die wichtigste Beziehung? Ein Tier kann begleiten, beschützen, Streicheleinheiten geben und nehmen, Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen, es kann trösten, kann zu einer regelmässigen Tagesstruktur verhelfen, kann den Kontakt zu anderen Menschen erleichtern usw. Es kann also elementare menschliche Grundbedürfnisse und Beziehungsbedürfnisse befriedigen und in dem Sinne in der persönlichen Begegnung heilsam wirken. So denke ich, dass das Göttliche auch in der persönlichen Begegnung zu einem Tier erlebbar sein kann.

Die Amsel auf dem Baum kann wie die übrige Natur um uns herum auch heilsam wirken, aber nicht über die persönliche Beziehung sondern als Bestandteil einer göttlichen Umgebung.  

Wir wissen alle, wie harmonisierend, ausgleichend, aufheiternd, tröstend, energetisierend, anregend, erfreuend usw. die Natur auf unser Gemüt wirken kann. Die Farben, die Kontraste, die Töne, die Düfte.... Und für mich ist die Natur voller Symbolik, voller Sprache.



 

 

 

 

 

 

 



Ich liebe es, auf meinen Waldspaziergängen irgendwo stehen zu bleiben und wahrzunehmen, was um mich herum ist, und das auf mich wirken zu lassen – möglichst unter Ausschaltung meiner bewussten Gedanken.

Und wenn ich dann so da stehe, dann sehe ich z.B. einen Ast, der sich wie eine schützende Hand über mich beugt; und ich lasse in mir wirken, wie es sich anfühlt, eine schützende Hand ob mir zu wissen. Und ich lasse dieses Gefühl sich in mir ausbreiten.
Und dann gehe ich ein Stück zuversichtlicher, heiler auf meinem Weg weiter.  

Oder ich stehe da und stelle fest, dass ich hinter mir ein Stück Weg sehe, das um eine Kurve verschwindet und dass ich vor mir ein Stück Weg sehe, das ebenfalls unweit von mir verschwindet. Ich stelle fest, dass das sichtbare Stück Weg hinter mir deutlich länger ist als das sichtbare Stück Weg vor mir. So wie das tatsächlich meinem aktuellen Standort auf meinem Lebensweg entsprechen könnte. Ein paar Stationen meines bisherigen Lebensweges tauchen vor meinem geistigen Auge auf, und ich stelle mir ein paar Stationen vor, die noch vor mir liegen könnten; und dann setze ich meinen Weg geklärter und ein bisschen bewusster fort.

Es geht hier nicht um die grossen Wunder: es geht um die kleinen alltäglichen heilsamen Einflüsse, denen wir uns öffnen können.



 

 

 

 

 

 

 

 
Ein Bild von letzter Woche: Mich beeindruckt es immer wieder zu beobachten, wie tief sich gesunde Bäume zu neigen vermögen unter der weissen Last. Manchmal liegen sie ganz am Boden und sobald der Schnee geschmolzen ist, stehen sie schön gerade wieder da, ohne Schaden genommen zu haben. Für mich ist die biegsame Haltung der Jungbäume gleichsam ein Symbol für Demut. Sich tief beugen können vor dem was grösser ist als wir. Sich tief beugen können unter der Last und dann wieder ganz gerade aufstehen, das ist etwas Gesundes, etwas Heilsames, oft der erste Schritt der Heilung: nämlich z.B. das Eingestehen von: "ich habe ein Problem und brauche Hilfe". Die Demut, die oft den Heilprozess einleitet.



 

 

 

 

 

 


Dieser Baum auf unserer Hofstatt hatte die nötige Spannkraft nicht mehr und ist an der Last des eigenen Erfolges zerbrochen.  Oder man könnte auch sagen, infolge des Alterungsprozesses hat sich ein Teil dieser Baum-Persönlichkeit bereits zur Ruhe gelegt, währenddem ein anderer Teil noch immer seine Aufgabe versieht.  

Der Beispiele gäbe es unendlich viele. Die Natur mit der ganzen darin verborgenen Kraft, mit ihrer eigenen Sprache und Symbolik ist heilsam, wenn es uns gelingt, sie auf uns wirken zu lassen. Es geht hier nicht um grosse sensationelle Heilungen, sondern es geht um das alltägliche Spüren göttlicher Kraft, welche uns hilft, das Leben zu ertragen; welche uns hilft, zu verarbeiten und seelische Wunden verheilen zu lassen, welche uns Mut und Kraft gibt, was auf uns zukommt immer wieder als neue Aufgabe zu begreifen und nach besten Möglichkeiten zu lösen. 

 

       Die heilende Kraft im Jenseits
 

Und nun komme ich zum Letzten oder zum Ersten: zu Gott im Jenseits.

Mit „Jenseits“ meine ich nicht jenseits jener Bergkette, oder jenseits des Meeres, auch nicht jenseits des Mondes oder der Sonne. Ich meine nicht ein geografisches Jenseits. Ich denke, dass Gott nicht geografisch entfernt ist, sondern mit „Jenseits“ meine ich: jenseits unserer bewussten Wahrnehmung. Ich denke, dass Gott da ist im Hier und Jetzt, aber ausserhalb unseres sehr eingeengten Blickwinkels. Wir leben in drei Dimensionen und können genau so viele wahrnehmen, und Gott ist vielleicht in der vierten oder fünften oder sechsten, was immer das sein mag.  

Aus der Mathematik kennen wir die Definition von Parallelen: Parallelen sind demnach zwei Geraden, die sich im Endlichen nicht schneiden. Ich habe schon viele Diskussionen mit meinen Töchtern darüber geführt. Einerseits ist die Definition insofern weise, als dass der Autor nichts über eine Dimension aussagen will, für die wir keine Vorstellung haben. Andererseits ist die Definition aber insofern auch unsinnig, als dass es gar keine Endlichkeit als abgegrenzten Raum gibt. Man kann höchstens sagen, dass alles endlich ist, was wir irgendwie beziffern und uns vorstellen können. Es gibt keine Grenze, wo die Endlichkeit aufhört und wo die Unendlichkeit anfängt. Vielmehr ist es so, dass die Unendlichkeit nicht irgendwo weit weg ist, sondern immer gleichzeitig mit der Endlichkeit auch da. Sie überlagert die Endlichkeit gleichsam. So denke ich verhält es sich auch mit Gott, mit dem Jenseits und mit der Ewigkeit; die sind immer gleichzeitig mit unserer Begrenztheit auch da, sind ein Stück weit gleich und doch ganz anders; so wie die Gegenwart immer auch Teil der Ewigkeit ist, z.T. identisch und doch ganz anders.

 Gott, das Jenseits, die Ewigkeit
Existieren immer auch gleichzeitig mit unserer Begrenztheit. Sie sind ein Stück identisch und in der ganzen Dimension doch ganz anders.
  

Die heilende Energie ist göttliche Energie:
Gott ist für mich diese Schöpfungs-, Wachstums-, Entwicklungs-, Heilkraft in Reinkultur. Er ist die Heimat, dort wo alles herkommt und wo alles hingeht. Er ist der Inbegriff unserer Sehnsucht nach Liebe, nach Vereinigung, nach Sinn, nach Erlösung; und er übersteigt alle unsere Vorstellungen. Wir können uns nur etwas Endliches vorstellen, das Ewige ist jenseits unserer Dimension.

Gott
·      Schöpfungs- und Heilkraft in Reinkultur
·      Beheimatung
·      Inbegriff unserer Sehnsucht nach  
       -   Liebe
       -   Vereinigung
       -   Sinn
       -   Erlösung
·      und er übersteigt all unsere Vorstellung
 

 
Gott hat Ewigkeitscharakter. Er ist immer da und war immer da. So auch die heilende Kraft um uns herum: die ist immer da. Daran können wir nichts ändern.
Woran wir arbeiten können, ist, uns dafür zu öffnen.

Nehmen wir das Gebet:

Wir wissen, wenn wir aus tiefsten Herzen zu Gott beten, „Gott hilf mir“, dann hilft das oft. Gebete können heilsame Wirkung haben.

Ich glaube jedoch nicht, dass Gott auf unser Gebet etwas anderes tut, als er schon immer getan hat. Er greift kaum aktiv in mein Weltgeschehen ein, um mein Problem zu lösen. Ich glaube, er ist einfach da, so wie er schon immer da gewesen war. Seine Liebe zu uns und seine Hilfe an uns, seine Heilwirkung sind einfach da, wie sie schon immer da gewesen sind. Durch mein Gebet ändert daran nichts. Was sich aber ändert, ist meine innere Haltung oder sagen wir: ich stelle meine Frequenz auf Gottes Hilfe ein. Mit meinem Gebet „Hilf mir Gott“, öffne ich mein inneres Instrument und bereite es darauf vor, Hilfe wahrzunehmen, Hilfe zu empfangen und Hilfe anzunehmen. Was nützt mir Hilfe, wenn sie an mir vorbeizieht, ohne dass ich sie als solche wahrgenommen hätte? 

 Mein Gebet
ändert nichts an Gottes Präsenz,
die war immer schon vorher da.
Mein Gebet öffnet aber mein Instrument,
Gottes Hilfe wahrzunehmen und anzunehmen.
 

Manchmal klagen depressive Menschen, auch Gott habe sie verlassen.

Dabei ist es nicht Gott, der uns verlässt, sondern unser Instrument hat dann eine Empfangsstörung.

Kehren wir zurück zum Beginn meines Referats: zur Psychotherapieforschung:

Wirkfaktoren der Psychotherapie
Problemspezifische Wirkfaktoren
Unspezifische Wirkfaktoren

 

Unspezifische Wirkfaktoren

·       Therapiebeziehung
·       Ressourcenorientierung
·       Problemaktualisierung
·       Praktische Hilfestellungen bei Lebensbewältigung und beim Einüben
        neuer Verhaltensweisen
·       Motivationale Faktoren


  Therapiebeziehung

Eine Therapiebeziehung muss so gestaltet sein, dass darin Vertrauen und Sicherheit entstehen kann. Der Therapeut soll wie eine Art Hilfs-Ich dem Hilfe suchenden Menschen so zur Seite stehen, dass es diesem gelingt, sich selbst mit seinen Sonnen- und Schattenseiten zunehmend anzunehmen: so wie wir eben sind.

Im Bejahen des Mitmenschen liegt heilende Kraft.

Das Bejahen des Mitmenschen kann dazu führen, dass sich dessen eigene heilende Kraft in ihm und diejenigen des Therapeuten verbinden, so dass eine Art Treibhauseffekt entsteht: ein heil- und wachstumsförderndes Klima.

Durch das Bejahen des Mitmenschen können sich heilsame Kräfte verbinden und mehren.
 

 Ressourcenorientierung

Das heisst für mich, davon auszugehen, dass wir göttliche Wesen sind, die die Heilkraft einerseits in sich selbst tragen und die diese Heilkraft mehren können, indem sie sich heilenden Einflüssen von aussen öffnen: im Gebet, in der Natur, in der Begegnung mit wohlgesinnten Mitmenschen. 

Wir tragen heilsame Energie in uns selbst und können uns bewusst darauf ausrichten, heilsame Energie auch von aussen aufzunehmen.
 

 Problemaktualisierung

Das heisst, die Probleme auf den Punkt zu bringen, so dass sie auch emotional erlebt werden können: die Trauer, der Schmerz, die Wut, aber auch die Freude und Energie. Eine sorgsam begleitete emotionale Erschütterung kann dann auch zu einer Neuorientierung und einem neuen Gleichgewicht führen.
Es geht darum, zu lindern und zu lösen, was möglich ist, und auch zu akzeptieren, dass unsere Einflussmöglichkeiten begrenzt sind und dass nicht alle Fäden in unserer Hand liegen.
             
·     Probleme auf den Punkt bringen, emotional erlebbar.
·     Sorgsam begleitete emotionale Erschütterung > Neuorientierung und
      neues Gleichgewicht.
·     Lösen, lindern, heilen, was möglich ist, und dabei die Grenzen unserer 
     
Endlichkeit akzeptieren.


 Alltagsbewältigung

Das heisst für mich z.B. jemandem viel Erlaubnis zu geben, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Wir sind immer die Hauptperson auf unserer Lebensbühne. Das heisst auch, Menschen darin anzuleiten, zunehmend so zu werden, die wir – jeder und jede von uns - in unserer besten Form sein können.  

 Erlaubnis und Uebung, den Weg zu gehen, der jedes von uns zu seiner besten Form führt.


 Motivationale Faktoren

Das heisst für mich, Menschen zu helfen ihre Motive und ihr Leben als roten Faden einer Entwicklung zu verstehen, sich anzunehmen und Schicksalsschlägen – ohne etwas schönzureden – vielleicht doch einen Sinn abzugewinnen. 

·      Uns selbst verstehen und akzeptieren lernen, wie wir sind
·      Schicksalsschlägen einen Sinn abgewinnen


 

 Psychotherapie

Psychotherapie ist für mich mehr als die Beseitigung von Krankheitssymptomen.

Es geht auch um Fragen von Sinnerfüllung und um Unterstützung auf dem Weg zur reiferen Menschwerdung; und oft geht es auch darum, das innere Instrument wieder auf das Gute, auf die heilenden Kräfte um uns herum auszurichten.

 Psychotherapie:
Mehr als Beseitigung von Krankheitssymptomen:
Klärung innerer Konflikte, um gefangene Energien in den Dienst der reiferen Menschwerdung zu stellen.

 

Dabei kann es nötig sein, innere Konflikte (Schuld, Minderwertigkeitsgefühle, endloses Hadern...) zu klären und die darin gefangene Energie freizusetzen. Und ein ganz wichtiger Teil ist die innere Achtsamkeit: 
 

 Innere Achtsamkeit
 Wieder lernen:
·      Auf den eigenen Rhythmus zu hören
·      Wahrzunehmen; sehen, hören, spüren
·      Langsamer und bewusster zu gehen
·      Weniger zu denken, mehr zu sein.

 

 

 Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Vortrag auf:www.therapiehausfrutigen.ch