Lebenskrise oder krank?

Vortrag am Laiengottesdienst Frutigen, 6.2.05
lic.phil. Hans-Peter Hari Britsch, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Psychisch krank – Nehmen wir z.B. jemanden, der seit Jahren an schweren Depressionen leidet. Verloren ist alle Freude, jedes Lachen, jede Energie, jedes JA zum Leben. Verloren ist alle Zuversicht, jede Hoffnung, jede Vorstellung davon, dass nach der Nacht wieder ein Tag, das Tageslicht folgt. Verloren ist selbst das Gefühl zum eigenen Körper, der wirkt wie fremd, abgestorben, grenzenlose Leere und Einsamkeit, die Menschen in unerreichbarer Ferne. Weil jeder Lebenswille in sich erstickt ist, fehlt die innere Orientierung. Die kleinste Entscheidung wird zur Qual. Aufstehen oder im Bett bleiben? Etwas Essen oder nichts essen? Jemanden anrufen oder doch nicht? Und dann die ständig drehenden quälenden Gedanken: Soll ich mich umbringen oder nicht? Soll ich es heute tun oder morgen oder noch warten bis vielleicht am Sonntag? Schwere Schuldgefühle bis hin zum Schuldwahn können hinzukommen z.B. die Ueberzeugung man sei wegen der schlechten Ausstrahlung schuld am Seebeben von Asien.
Eine Depression. Psychisch krank.

Oder nehmen wir einen Schizophreniekranken, der von inneren Bildern und Impulsen aus seinem Unbewussten überschwemmt wird, so dass er seine innere Ordnung nicht mehr aufrechtzuerhalten vermag. In ihm reihen sich tausend Gedanken und Eindrücke wahllos aneinander, wichtiges und unwichtiges kann nicht mehr unterschieden, auch geht die Grenze zwischen innen und aussen verloren. Plötzlich ist nicht mehr klar, sind die Gedanken, die ich denke meine Gedanken oder sind es diejenigen meines Nachbarn. Oder bin ich sogar von irgendwelchen dunklen Mächten ferngesteuert. Die Ueberzeugung, dass die andern alles was ich denke sehen können, dass sie mir sogar Gedanken wegnehmen und neue fremde einpflanzen können. Das Einbrechen des Identitätsgefühls das bin ich. Das Gefühl der völligen Schutzlosigkeit und damit verbunden, der untaugliche Versuch, sich immer mehr in seine innere Welt zu flüchten und dadurch immer mehr jeden Bezug zur Aussenwelt zu verlieren. Stimmen hören, die andere nicht hören oder Dinge, Gestalten sehen oder riechen, die für andere nicht wahrnehmbar sind, können weitere quälende Symptome sein.
Eine Schizophrenie. Psychisch krank.

Nicht immer ist die Grenze zwischen psychisch krank und nicht krank so eindeutig:
Nehmen wir das Bsp. eines Mannes, eines Familienvaters, der seine Arbeitsstelle verliert. Er reagiert darauf mit Angst, wird gereizter, vielleicht aggressiver und die ehelichen und familiären Spannungen, die schon vor dieser Krise unterschwellig vorhanden waren, beginnen zu eskalieren. Es kommt zu einem grossen Streit und die Frau entscheidet sich, mit den Kindern auszuziehen. Sie geht mit ihnen zu ihrer Mutter. Der Mann bleibt alleine zurück. Er gerät zunehmend in Verzweiflung, beginnt zu trinken und entscheidet sich schliesslich, seinem Leben ein Ende zu setzen. Der Selbstmordversuch misslingt und der Mann wird zu seinem Schutze in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dort trifft er auf Mitpatienten, die sich teilweise in ähnlich schwierigen Situationen befinden. Er hat viele Gespräche mit Pflegenden, mit Aerzen und Psychologen. Er gewinnt Distanz zu seiner Situation, fasst wieder neuen Lebensmut, legt sich zurecht, welche Punkte er einen nach dem andern nach Austritt regeln will. Er organisiert sich eine ambulante psychotherapeutische Betreuung, die ihn durch diese Krise hindurch stützt. Mit der Frau hat wieder ein erstes konstruktives Gespräch stattgefundn und der Patient tritt nach 2-3 Wochen frischen Mutes wieder nach Hause aus der Klinik aus.

Ist dieser Mann psychisch krank? Der Alkohol und der Selbstmordversuch sind keine gesunden psychischen Reaktionen, aber es besteht ein grosser qualitativer Unterschied zur schweren Depression oder zur Schizophrenie, die ich am Anfang skizziert habe, die über Monate und Jahre chronifizieren können – die ungesunde Reaktion dieses Mannes ist vielleicht vergleichbar mit einer Grippe.

Diagnostisch würde man etwa von einer Anpassungsstörung sprechen; d.h. dass die Seele im Moment dieser Krise und Überforderung gerade nicht in der Lage war, eine gesundere Anpassung zu leisten.

Nicht jeder Mensch, der in eine Krise gerät und in einer solchen Situation vielleicht auch mal stolpert, ist psychisch krank. Es ist vielmehr so, dass Krisen fest zu unserem Leben gehören. Sie sind oftmals der Motor einer psychischen Entwicklung, eines inneren Wachstumsprozesses. Unser Leben ist ständiger Wandel. Die Welt verändert sich und wir uns mit ihr, aber auch umgekehrt, wir verändern uns und nehmen dann plötzlich die Welt anders wahr. Sie scheint uns nicht mehr die gleiche Welt zu sein. Was einmal gut war, ist plötzlich nicht mehr gut und dann verändern wir auch die Welt, d.h unsere unmittelbare Umwelt.

Manchmal sind wir es selbst, die eine Krise auslösen, weil das bisherige plötzlich nicht mehr stimmt. Manchmal wird eine Krise auch durch äussere Umstände ausgelöst – durch den Verlust eines geliebten Mitmenschen, einer Beziehung, durch eine Krankheit, Arbeitslosigkeit oder eine Naturkatastrophe, durch den Verlust von Hab und Gut. Eine von aussen ausgelöste Krise zwingt uns, seelisch zu wachsen und zu reifen, um den neuen Anforderungen wieder gewachsen zu werden.

Also Lebenskrisen gehören zum Leben und sie sind nicht das gleiche wie psychische Krankheiten, aber unbewältigte Krisen können zu psychischen Krankheiten führen. Die beste Prophylaxe gegen psychische Krankheit ist das aktive Bewältigen und Gestalten von Krisensituationen.

Deshalb noch einige Gedanken zum Thema Bewältigung von Krisen:
In jeder Krise lassen wir etwas zurück, z.B. einen Lebensabschnitt, der vorbei ist. Vielleicht einen geliebten Menschen; vielleicht andere Dinge, an denen wir gehangen haben. Es braucht die Trauer, um diesen Abschied zu bewältigen. Es geht in der Krise darum, einerseits sich nicht einfach fallen zu lassen stattdessen seinen Lebensweg tapfer weiterzugehen und andererseits auch darum, sich innerlich nicht so zu verhärten, dass keine weitere Entwicklung mehr geschehen kann. Wenn wir versteinern, dann ist jede weitere Entwicklung blockiert. Es ist wichtig, innerlich weich und empfindsam zu bleiben, wie ein junger Baum, der sich im Winde beugt und dann wieder aufsteht – nicht wie ein dürrer Baum, der sich nicht beugen kann und bricht. Tränen sind wichtig. Tränen müssen geweint werden dürfen. Tränen befreien. Durch gelebte Trauer können wir das was wir zurücklassen müssen in Form von Erinnerungsbildern in uns aufnehmen. Bilder von gelebtem Leben - das sind unsere Lebensschätze. Erst die Trauer macht uns wieder frei für neue Lebensthemen, frei für neue Lebensaufgaben; frei für neue Beziehungen; frei unser Leben weiterzufahren und wenn’s gegen das Lebensende geht, schliesslich auch frei zu sterben.

Trauer und Depression sind nicht das gleiche. Depression kommt oft aus einer nicht gelebten Trauer, die dann zu einer Art Versteinerung führen kann, wie ich sie am Anfang beschrieben habe.
Manchmal kommen Krisen schleichend, manchmal sehr plötzlich und lösen einen Schock aus. Immer geht es dann aber auch darum, nach dem ersten Ueberwinden des Schocks zu einer positiven Haltung der Krise gegenüber zu finden. D.h. die Krise als Lebensaufgabe zu betrachten, die wir annehmen und bewältigen müssen – auch dann wenn wir vielleicht nicht nachvollziehen können, weshalb Gott uns solches zumutet.
Es ist ja so, dass wir das Leben vorwärts leben müssen und oft erst rückwärts verstehen können. D.h. Wir müssen unser Leben fortsetzen, möglichst das beste daraus machen, auch dann wenn wir im Moment selbst nicht genau mehr wissen wozu = Leben vorwärts leben. Und verstehen können wir es oft erst nach der Krise und manchmal können wir sogar erst Jahre nach der Krise erkennen, dass auch diese schmerzhafte Zeit zu etwas Gutem geführt hatte, zu neuen Lebensthemen, zu neuen Menschen, zu persönlicher Reifung.
Vielleicht müssen die Lebenskrisen und deren Bewältigung sein, damit wir schliesslich zu dem werden, was Gott mit uns gemeint hat, jedes von uns in seiner besten Form.
Oft ist es auch gut, sich nicht zu scheuen, in einer solchen Krise professionelle Hilfe zu beanspruchen. Stellen Sie sich vor, wenn Sie sich auf einer Bergtour verirren, so ist es ein ganz anderes Gefühl, wenn Sie ganz alleine irgendwo im unbekannten Gebirge umherirren als wenn Sie zu Ihrer Seite einen Bergführer haben, der viel mehr Erfahrung hat in diesem Gelände. Eine professionelle Hilfe kann auf dem Weg durch die Krise Sicherheit, Orientierung und Hoffnung vermitteln.
Und was ist mit Gott ? In der Beziehung zu Gott, im Glauben liegt eine wichtige Heilskraft – vielleicht die wichtigste – vielleicht sogar die einzige wirkliche Heilskraft. Und trotzdem ist es so, dass gerade depressive Menschen oft das Gefühl haben, jetzt hat mich auch Gott noch verlassen. Aber eigentlich ist es nicht Gott, der uns verlässt, sondern wir sind es, die wir uns oft nicht mehr spüren können, weil unser Unbewusstes, über welches wir mit Gott verbunden sind, verschlossen ist. Thomas von Aquin hat behauptet: Gott ist den Menschen näher als diese sich selber. Damit hat er wohl gemeint, dass das Gefühl der Gottesferne nicht dadurch entsteht, dass Gott nicht da wäre, sondern dass wir uns in unserem göttlichen Wesen nicht zu erkennen vermögen, ganz besonders dann nicht mehr, wenn wir uns selber nicht mehr wahrnehmen können, nicht mehr spüren. Manchmal gelingt es dann in einer Therapie, den Weg zu sich selber, zu den Mitmenschen und zu Gott wieder zu finden. Dann kann ein Glücksgefühl entstehen – dann sind wir einen Moment lang vielleicht ganze Menschen.