Positives Denken bei Krankheit

Vortrag gehalten an der Herbsttagung der Schweizer Selbsthilfegruppe für Krankheiten der Hypophyse  -  Olten, 25.10.2009
lic.phil. Hans-Peter Hari Britsch, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

„Was heisst Denken?“

So lautete eine Frage meines Professors an der mündlichen Abschlussprüfung in kognitiver Psychologie vor bald 30J.

Man konnte dann komplizierte Erläuterungen darlegen, was Denken ist und was es nicht ist, und der Prof war nicht zufrieden, wenn er nicht eine bestimmte Aussage hörte. Diese Aussage entsprach nämlich dem Titel eines Buches auf unserer Literaturliste: „Denken, das Ordnen des Tuns“.

Denken heisst also, das Ordnen des Tuns oder auch die Steuerung unseres Tuns. Und Tun ist sehr viel weiter gefasst als Denken. Das Tun umfasst alle unsere Verhaltensweisen, auch z.B. unsere Wahrnehmung, unser Erleben.

Denken ist das Ordnen des Tuns
•      Das Denken steuert das Tun
•      Das Tun umfasst 
       - Verhalten
       - Wahrnehmung
       - Erleben
•      Mit dem Denken richten wir unser Leben aus.

Wenn ich nun also über positives Denken bei Krankheit spreche, so stelle ich die Frage, wie richte ich mein Tun, mein Erleben, mein Leben positiv aus bei Krankheit. Das Denken selbst bringt uns nicht Heilung, aber es öffnet uns Wege zur Heilung oder es verschliesst sie. Das Denken hilft, unser Leben auszurichten. 

Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich kann man meist sagen, ein Gedanke ist richtig oder falsch: 2+2=4 ist richtig, 2+2=5 ist falsch.
Im psychologischen Bereich gibt es diese Unterscheidung nicht immer, vielmehr es da oft sinnvoller zu unterscheiden zwischen günstigerem Denken und ungünstigerem Denken oder eben einem positiven oder negativen Denken.

Das ist so, weil unser Denken eben unser Handeln steuert und so entstehen Wechselwirkungen zwischen Handeln und Denken in der Art, dass aufgrund unseres Verhaltens oft das herauskommt, was unser Denken bereits vorausgesetzt oder erwartet hat im Sinne von selbsterfüllenden Prophezeihungen.

Wechselwirkung
Denken – Verhalten – Denken

Im Sinne von selbsterfüllenden Prophezeiungen steuern wir unser Verhalten oft so, dass das herauskommt, was wir erwartet haben.
Das wiederum bestätigt unsere Denkweise.

Dazu eine berühmt gewordene kleine Geschichte, die auf humoristische Weise derartige Wechselwirkungen und Selbsttäuschungen, wie wir sie vielleicht auch aus dem eigenen Erleben kennen, karikiert und auf die Schippe nimmt.

Die Geschichte vom Hammer
Paul Watzlawick:
Anleitung zum unglücklich sein:
 
Ein Mann wollte in seiner Wohnung ein Bild aufhängen. Er hatte das Bild und einen Nagel, aber keinen Hammer. Dann kam ihm die Idee, er könnte doch seinen Nachbarn bitten, ihm seinen Hammer auszuleihen. Sofort tauchten in ihm aber warnende Stimmen auf: Dieser Nachbar, der hat mich doch kürzlich gar nicht recht angeschaut, was hat der denn eigentlich gegen mich? Der denkt sicher, ich sei irgend so ein komischer Kauz. Ich habe ihm doch gar nichts getan. Na ja, der würde mir seinen Hammer ganz sicher nicht ausleihen. Es ist eigentlich schon traurig in dieser Welt, dass einem der Nachabar nicht mal seinen Hammer ausleiht. Das ist doch eigentlich ein unverschämter, Rüppel.

Wutentbrannt stürmt er dann zur Wohnung seines Nachbarn, klopft kurz an und noch bevor dieser die Türe öffnen konnte steht er schon in dessen Wohnung und schreit: „Sie unverschämter Rüppel, dann behalten Sie doch ihren Hammer!“
 

Aus Anleitung zum Unglücklichsein von Watzlawik; ein kleines amüsantes Büchlein, das in zahlreichen Beispielen Muster aufzeigt, wie wir uns durch unsere Gedankengänge unser Schicksal prägen, wie wir uns z.B. unsere Bilder, die wir von uns selbst haben, durch entsprechende Erwartungen immer wieder selbst bestätigen. 
 

Wenn wir uns also für nicht liebenswert halten oder für völlige Versager im Leben, dann werden wir uns wahrscheinlich durch unser entsprechendes Verhalten genau das immer wieder bestätigen. Es entstehen dann leidvolle Zirkel, in denen sich Menschen gefangen fühlen. 

Um daraus auszubrechen, ist das wichtigste die Bewusstheit wie solche Zirkel funktionieren und sie zu erkennen. Kritisches Hinterfragen, Einholen von Rückmeldungen von uns positiv gesinnter Menschen. 

Ausbrechen aus dem unglücklichen Zirkel
•      Bewusstheit schaffen und kritisches Hinterfragen der Denkgewohnheit
•      Neue Vorstellungen von sich selbst schaffen
•      Rückmeldungen einholen als Spiegel von gut meinenden Mitmenschen. 
 

Denken, das Ordnen des Tuns
•      Das Denken schafft unseren Bezugsrahmen, in welchem wir die Welt 
       erleben: die Brille, durch die wir sehen.
•      Der Bezugsrahmen prägt unser Schicksal.
•      Im Denken liegt Entscheidungsfreiheit.
•      Mehr Bewusstheit bedeutet mehr geistige Freiheit.

Im Denken liegt Entscheidungsfreiheit
Je bewusster wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, desto grösser wird die unsere Freiheit, den Bezugsrahmen zu wählen und somit unser Schicksal aktiv zu gestalten.

Ich möchte Sie nun dazu einladen, gemeinsam einen Bezugsrahmen unseres aktuellen Erlebens zu schaffen.

Wir tragen nun eine Liste zusammen mit Wörtern, die für uns eine gute Bedeutung haben. Substantive, Verben, Adjektive:

Liebe                       Erkennen                                             Zufriedenheit
Frieden                   Glauben                                                Schönheit
Geniessen              Sicherheit                                             Entschlossenheit
Dankbarkeit           Schöpfen aus guten Erfahrungen    Freundschaft
Gesundheit            Erfüllung                                               Vertrauen 
Zuversicht              Entscheidungsfreiheit                        Geborgenheit


Ich lese Ihnen nun diese Liste vor und ich bitte Sie, nichts anderes zu tun, als diese Worte auf Sie wirken zu lassen. Setzen Sie sich bequem, hören Sie zu, öffnen Sie sich diesen Worten und lassen Sie. Nehmen Sie die Stimmung wahr, die sich dann in Ihnen einstellen wird und geben sie ihr Raum. Erlauben Sie, dass sich diese Stimmung in Ihnen ausdehnen mag. 

Angeleitete Meditation zu diesen Worten.

Erlauben Sie, dass diese Worte Sie nicht nur am heutigen Tag begleitet, sondern auch in der nächsten Zeit ein ausgewogenes Glück in Ihnen bereit hält.

Verankerung im Körper und mit Namengebung. 

Auswertung: Wie ist es Ihnen ergangen?

Worte sind die Elemente des Denkens
•      Aus Worten werden Bilder
•      Aus Bilder werden Gedanken
•      Aus Gedanken werden Gewohnheiten
•      Aus Gewohnheiten werden Charaktereigenschaften
•      Aus Charaktereigenschaften wird Schicksal.

Die Arbeit mit positiven Wortlisten ist sehr einfach und kann sehr heilsam wirken.
Man kann für sich selbst immer wieder neue positive Wortlisten erstellen und alte ergänzen und diese Worte auf sich wirken lassen. 

Ebenso können wir mit Bildern arbeiten:
-       Mit realen Bildern, Fotografien
-       Mit inneren Bildern aus unserem inneren Erinnerungstagebuch
-       Mit Alltagsbildern z.B. aus der Natur: es braucht dazu oft nur ein Spaziergang mit offenen Sinnen. Mal stehen bleiben und wahrnehmen, was ist.

Die Arbeit mit inneren Bildern
•      Lassen wir uns beeindrucken von der Schönheit und der heilenden Wirkung von z.B.
- erlebten Naturbildern
- von beglückenden Erinnerungen
•      Schaffen wir uns sichere, ruhige, schöne, angenehme innere Orte.

Bilder aus dem Puschlav und Engadin, Oktober 2009:



Auch im Umgang mit Schmerzen, können wohltuende Bilder oft heilsam sein. Der Schmerz und auch die Angst vor bekanntem Schmerz bannen ja oft unsere ganze Aufmerksamkeit, und manchen Menschen gelingt es, in sich so eine Art schmerzfreier Inseln aufzubauen in der Erinnerung daran, wie sich der Körper schmerzlos in guten schönen Momenten angefühlt hatte.

Ein inneres Album anlegen
•      Sich im Alltag Zeit lassen, Bilder aufzunehmen
•      Bilder pflegen: vor dem geistigen Auge wieder auftauchen lassen
•      Im Album immer auch mal wieder nach alten guten Bildern suchen
•      Und zudem immer wieder neue Bilder ergänzen.


Und dann bleibt aber zu sagen, dass wir zwar einerseits durch das Lenken unseres Denkens und unserer Vorstellungskraft viel Heilsames bewirken können, aber andererseits immer an unsere menschlichen Begrenzungen gebunden bleiben.

Wir können mit noch so positivem Denken, bzw. positiver Ausrichtung unseres Tuns und Seins nicht alles bewirken.

Akzeptanz der menschlichen Begrenztheit
Dein Wille geschehe  

Positiv denken hat nichts zu tun mit Nicht-Hinschauen, mit Verleugnung von Tatsachen, mit Selbstbelügung, mit falscher Idealisierung.

Vielmehr hat pos. Denken für mich etwas zu tun mit Annehmen, was ist, und damit, letztendlich gerade in dem was uns zugemutet wird, einen Sinn zu finden. Es hat etwas damit zu tun, das Leben und was uns darin zugemutet wird, als Aufgabe zu verstehen, die wir bewältigen können und aus der uns Sinn erwächst.

Gerade bei schweren Schicksalsschlägen wie z.B. einer chronisch verlaufenden Krankheit hilft ein positiver Bezugsrahmen etwa in der Grundhaltung, dass all das, was uns auf unserem Lebensweg zugemutet wird, in einem Sinnzusammenhang steht.

Und auch wenn es nicht immer gleich gelingt, den Sinnzusammenhang in einem Schicksalsschlag zu sehen, so lohnt es sich doch, im Verlaufe der Zeit danach zu fragen und danach zu suchen. 

Ich sage „im Verlaufe der Zeit“, weil wenn einem Schlimmes widerfährt, dann sind vorerst mal starke Gefühle da: Trauer, Wut, Schmerz etc., und der gut gemeinte Trost, es wird ja schon alles einen Sinn haben, ist dann wie eine billige Abspeisung, Augenwischerei, vielleicht eine Verleugnung des Schmerzes, des Verlustes. 

Sinn suchen in dem was ist
•      Annehmen, was wir nicht verändern können
•      Das Leben als eine Aufgabe verstehen, aus deren Bewältigung Sinn
 
       erwächst
.•      Aber auch: Gefühle sind wichtig:
•      diese nicht mit Sinnfragen „wegrationalisieren“! 
 

Gefühle zulassen
•      Gefühle wie Wut, Trauer, Schmerz sind wichtig bei der Verarbeitung.
•      Sie dürfen und müssen sein.
•      Sie führen uns zu einem neuen inneren Gleichgewicht:
zu Versöhnung mit uns selbst, mit der Welt, mit dem Schicksal, mit Gott. 
 

Positiver Bezugsrahmen bei Krankheit
•      Unser Schicksal steht in einem Sinnzusammenhang
•      Wir sind zur Reifung geboren
•      Auch eine Krankheit kann uns einen Weg weisen
•      Manchmal führt gerade dieser Weg zu unserer besten menschlichen
       Form.

Wenn wir uns etwas Gutes wünschen, dann wünschen wir uns Gesundheit bis ans Lebensende. Denn Gesundheit ist Lebensqualität, eine Lebensqualität vielleicht, die man erst richtig realisiert, wenn man sie nicht mehr hat oder wenn sie eingeschränkt wird. Und trotzdem ist es oft so, dass Menschen durch Schicksalsschläge wie es eben eine Krankheit sein kann zu grosser menschlicher Grösse heranreifen. 


Ich habe mich in meiner Abschlussarbeit des Psychologiestudiums damals intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Menschen mit ihrer letzten Lebenskrise fertig werden, nämlich mit dem Bewusstsein des nahenden Todes. Um das herauszufinden, habe ich ein paar Monate in einem Sterbehaus in London, im St. Josephs Hospice gearbeitet und habe dort viele Erfahrungen gemacht mit schwer kranken Menschen im Endstadium:

Es hat Menschen gegeben, die im Hader mit ihrer Krankheit stehen geblieben und so auch gestorben sind. Es hat aber auch Menschen gegeben, die durch ihre Krankheit hindurch zu einer Art Vollendung gereift sind.

So möchte ich Ihnen zum Abschluss meines Vortrags die Geschichte erzählen von einem meiner wichtigen Lebenslehrer, von Mr. W.

Mr W. war ein hochdifferenzierter Mensch und von einer Ausstrahlung und menschlichen Grösse, wie ich sie selten erlebt habe. Er war Physikprofessor und litt an Krebs im Endstadium. Sehr oft habe ich mich an sein Bett gesetzt und ihm einfach zugehört. Er hat über das Leben gesprochen, über Gott und die Welt, über die Sonnenstrahlen, die sein Bett erhellten und er hat zwischendurch weiterhin an physikalischen Problemstellungen herumstudiert.

Eines Tages hat er mich gebeten, ihm ein Tonbandgerät zu bringen mit zwei Kassetten. Auf die eine Kassette wollte er seiner Assistentin eine wichtige physikalische Erkenntnis hinterlassen und erklären. Die zweite Kassette war für mich gedacht gewesen. Er meinte, ich sei ein junger suchender Mensch und er ein erfahrener, sterbender Mann, und er möchte mich durch diese Kassette etwas an seinen Lebenserfahrungen teilhaben lassen.

Ich war ziemlich mittellos, und es war nicht so einfach, ein entsprechendes Gerät aufzutreiben. Eine Arbeitskollegin brachte mir aber zwei Tage später ein Tonbandgerät, und Hr W. machte sich an die Aufnahmen. Und dann stellte sich heraus, dass das Mikrofon nicht funktionierte.

Ich brauchte weitere drei Tage, bis ich ein funktionierendes Mikrofon hatte, mit dem ich wieder an Hrn W.s Bett trat. Er döste und ich wartete. Dann plötzlich schaute er mich an und sagte: „it’s not important“; dann warf er sein Duvet zurück und sagte weiter: „this is my body, don’t worry about.“ Kurze Zeit darauf verstarb er friedlich und erfüllt.
 

Ich weiss nicht, was er mir auf die Kassette noch hätte sagen wollen, wahrscheinlich, das was er mir auch mit seinem Verhalten gezeigt hat: 

Hingabe und Loslassen
•      Leben wir das Leben intensiv
•      Voller Hingabe an das Gute
•      Wenn das Schicksal anders diktiert, als wir gewollt hätten, geben wir
        uns hin für neue Ziele.